Beschreibung der Prosopagnosie

Der Begriff Prosopagnosie ist ein Kunstwort, das von Bodamer (1947) eingeführt wurde. Es setzt sich aus den griechischen Worten prosopon (πρόσωπον) für Gesicht und agnosia (αγνωσία) für Nichtwissen, Nichterkennen zusammen. Das Phänomen ist schon länger bekannt. A. J. Larner zitiert (J Neurol. Neurosurg. Psychiatry 75;1063 (2004)) Beispiele bei Quaglino (1867), Hughlings Jackson (1872, 1876), Charcot (1883) und möglicherweise auch bei Thucydides (Θουκυδίδης, Thoukudídês) und Seneca.

Die Prosopagnosie bezeichnet die Unfähigkeit eine Person am Gesicht allein zu erkennen. Die deutsche Bezeichnung Gesichtsblindheit ist irreführend. So wie im oben ausgeführten Beispiel mit dem chinesischen Gastgeber, wird ein Gesicht in allen seinen Facetten detailliert gesehen. Es kann beurteilt werden ob es männlich oder weiblich ist, ob es attraktiv ist und ob es freundlich, wütend oder ärgerlich ist. Das Defizit liegt allein im Nichtwiedererkennen. Es liegt also keine allgemeine Objektagnosie oder Differenzierungsschwäche von gleichartigen Objekten vor.

Das Phänomen der Prosopagnosie ist in jüngster Zeit in der Fachwelt zunehmend bekannter geworden und erhält interessanterweise vor allem in der Laienpresse eine immer größere Resonanz, da sich das Thema sehr publikumswirksam ausgestalten lässt, wie schon die griffigen Titel zeigen:

Eine Auswahl:

  • Ein Gesicht wie das Andere, Gehirn & Geist, 2/2003
  • Wenn Gesichter nichts sagen, Münstersche Zeitung, 05.07.2003
  • Welt voller Fremder. Der Spiegel, 7.6.2003
  • Lauter fremde Gesichter, Berliner Tagesspiegel, 21.07.2003
  • Gesichtsblindheit - alle sehen gleich aus, TV WDR "Daheim und Unterwegs" 11.09.2003, 17.30
  • Das Fremde Mädchen - Interview einer Betroffenen, Woman, 23.09.2003
  • Wenn die Welt voll fremder Gesichter ist, Frankfurter Neue Presse, 20.10.2003
  • Gesichter sehen und doch nicht erkennen, Der Augenspiegel, 11/ 2003
  • Ein Gesicht sieht aus wie das andere. Münsters Universitätszeitung, 1/2004
  • Verlorene Gesichter, Shape, 1/2004
  • Wenn Gesichter für immer fremd bleiben. Apothekenrundschau, 1/2004
  • Wer ist die Frau in meinem Spiegel, Bella, 9/2004
  • Das Gesicht ein blinder Fleck, Rheinische Post, 08.09.2004
  • Unter fremden Freunden, Süddeutsche Zeitung, 21.04.2005
  • Gesichtsblindheit, WDR Aktuelle Stunde, Spezialbeitrag 21.6.2006
  • WDR-Fernsehen, Aktuelle Stunde, 21.6.2006: Gesichtsblindheit (Prosopagnosie)
  • RTL, Punkt 12 und RTL Aktuell, 17.1.2007: Gesichtsblindheit
  • Günter Jauch, sternTV Magazin, Gesichtsblindheit, 2.12.2009
  • RTL Focus TV, 5.9.2010, Faszination Leben. Immer wieder fremd: Wenn alle Gesichter gleich aussehen
  • NDR, DAS! Gesichtsblindheit, 1.11.2010
  • Gesichter ohne Identität, Apotheken Umschau 15.12.2010



  • Kurzbiographie (Mit freundlicher Genehmigung der Familie)
    Joachim Bodamer, geboren 26. Juni 1910. Humanistisches Gymnasium in Stuttgart, Studium der Medizin in Heidelberg, Berlin und München. Er studierte Philosophie bei Karl Jaspers und Nicolai Hartmann. Als Facharzt für Neurologie und Psychiatrie arbeitete er am Psychiatrischen Landeskrankenhaus Winnental in Winnenden - heute Zentrum für Psychiatrie Winnenden, Krankenhaus für Psychiatrie und Neurologie.
    http://www.zpn.de - und kurze Zeit auch in Emmendingen bei Freiburg im Breisgau. In dieser Zeit schrieb er wissenschaftliche Arbeiten zur Geistesgeschichte der Psychiatrie und zu Fragen der Hirnpathologie. Als Feldarzt war er im Krieg in Russland, Frankreich und Bulgarien. In dieser Zeit wurde er auf das Phänomen der erworbenen Gesichtsblindheit bei Soldaten mit Schädel-Hirnverletzungen aufmerksam. Zur geistigen Situation der modernen Menschen im technischen Zeitalter verfasste er mehrere Bücher `Der Mensch ohne ich war mit einer Gesamtauflage von 120.000 Exemplaren einer der erfolgreichsten Herder-Büchereibände" (Auszug aus dem Klappentext der letzten Neuausgabe1981). Er starb am 7. Juli 1985 in Stuttgart.